Staat im Staat: Disney World
Wenn man bei Orlando die Autobahn verlässt und in das riesige Gelände von Walt Disney World hineinfährt, scheint es, als habe man eine unsichtbare Grenze überquert. Plötzlich gibt es keine häßlichen Strommasten und -kabel mehr, keine Werbeplakate, keine schäbigen Motels und Fast Food Eateries. Alles ist sauber und grün, die Straßen sind breiter ausgebaut und in perfekterem Zustand als irgendwo sonst in Florida. Sogar die Beschilderung wirkt attraktiver; sie wurde von Disney-Designern gestaltet.
Das Reich des Disney Konzerns ist mit eigener Verwaltung, eigener Polizei und Feuerwehr, eigener Strom- und Wasserversorgung quasi autonom. Es gelten sogar andere Gesetze und andere Bauvorschriften. Kritiker prägten unter Hinweis auf die einzigartigen Vorrechte des Unterhaltungskonzerns den hübschen Begriff vom »Vatikan mit Mauseohren«. Diese Rechte, von denen andere Unternehmen nur träumen können, hatte sich Disney schon beim Kauf in den 1960er-Jahren gesichert. Wenn in Disney World die Arbeitsbedingungen oder die Einhaltung von Bauvorschriften kontrolliert werden, dann nur von Disney-Angestellten. Manche Privilegien wurden bisher noch gar nicht genutzt, so etwa das Recht, auf dem Gelände einen internationalen Flughafen und – wenn gewünscht – sogar ein Kernkraftwerk zu bauen.
Das Motiv für die totale Kontrolle, die Disney in Florida zur Voraussetzung für seine Investionen machte, erklärt sich aus den schlechten Erfahrungen, die man rund um Disneyland in Kalifornien gemacht hatte. Dort fühlte sich der Konzern von den umliegenden Gemeinden übervorteilt. Man ärgerte sich über hohe Stromkosten und besonders über das schlechte Bild, das Billigmotels, Souvenirshops und Fast-Food-Lokale boten, die dort nach Eröffnung des Parks rasch aus dem Boden geschossen waren. Sie schadeten nach Ansicht des Konzerns dem Disney Image, vor allem aber mach(t)en sie Umsätze, die Disney entgingen, obwohl der ihnen überhaupt erst die Kunden brachte.
Bei der Planung des zweiten Parks tat man daher alles, um eine ähnliche Situation zu verhindern. Hier wollte man in viel größerem Maßstab bauen, das Gelände besser auswählen und von Anfang an alle Fäden selber in der Hand halten. Die Entscheidung für Florida fiel vor allem wegen des idealen Klimas. Der Konzern hatte dabei zunächst verschiedene Regionen in Erwägung gezogen, aber Walt Disney selbst traf die Entscheidung für Orlando, nachdem er aus der Luft in einem in Frage kommenden Gebiet den großen Bay Lake und in dessen Mitte eine Insel gesehen hatte.
Beim Aufkauf ging Disney generalstabsmäßig vor. Um einen frühzeitigen Anstieg der Grundstückspreise zu verhindern, hielt man die Pläne des Konzerns völlig geheim. Man gründete zunächst eine Firma namens Reedy Creek, die über Wochen und Monate zu Spottpreisen nach und nach eine Fläche von über 30.000 acres (12.000 ha bzw. 120 km2) zusammenkaufte. Damit konnte um die von Anfang an geplanten Parks Magic Kingdom und Epcot ein breiter Grüngürtel sichergestellt werden, und gleichzeitig war genug Platz für konzerneigene Hotels, Geschäfte, Campingplätze und auch ggf. auch für weitere Attraktionen.
Nach der Eröffnung des Magic Kingdom im Oktober 1971 kamen bald Hotels hinzu;neue Themenparks waren 1982 die »Zukunftsvision« Epcot Center, 1989 der Filmpark Disney-MGM Studios und 1998 schließlich das Animal Kingdom. Mittlerweile gibt es daneben Dutzende von Hotel- und Resortanlagen, drei beachtliche Wasserparks, eine Autorennbahn und den Shopping-, Restaurant- und Discokomplex Disney Village mit Pleasure Island und weiteren Vergnügungsparkelementen.
In der Walt Disney World arbeiten 2004 etwa 45.000 Angestellte, was Disney zum – mit Abstand – wichtigsten Arbeitgeber in Zentralflorida macht. Doch selbst jetzt wird erst weniger als ein Viertel des vorhandenen Areals genutzt. Es ist also noch viel Platz für eine weitere Expansion.
Über das Gelände von Disney World hinaus betreibt der Konzern die große Ferienanlage Vero Beach an der Atlantikküste und die Mustersiedlung Celebration. Ein weiteres Projekt des Unternehmens sind eigene Kreuzfahrtschiffe: Seit ein paar Jahren stechen die Disney Magic und Disney Wonder unter der Mauseflagge von Cape Canaveral zu Kurzkreuzfahrten in die Karibik in See. Disney hat dazu auch gleich eine eigene Insel in den Bahamas gekauft, um seinen Passagieren ungestörten Landgang und Badevergnügen zu sichern.

