Das Rätsel um den "verschwundenen Grabstein"
Der Alte Leuchtturm ist derjenige mit dem unverkennbaren Plattdach. Er steht einen halben Kilometer östlich von seinem neuen Bruder, 45 Meter ist er hoch, und einige Jährchen hat er auch schon auf dem Buckel.
Um im Mittelalter den Weg von der Nordsee in die Westerems zu finden, peilten die Seefahrer zwei Baken auf der niederländischen Insel Rottum an. Doch während schwerer Sturmfluten in den Jahren 1509 und 1570 versank der Inselteil mit diesen Wegweisern in der See, und aus war’s mit den wichtigen Navigationshilfen.
Vom Emder Rat, dem am meisten an der Sicherung der Emsschifffahrt gelegen war, wurde nunmehr (1576) Borkum als neuer Standort gewählt. Dort befand sich auf der Position des jetzigen Leuchtturms eine Kirche, die jedoch den Anforderungen nicht genügte – sie war zu niedrig. Man riss sie deshalb ab und errichtete an ihrer Stelle ein Bauwerk mit quadratischem Grundriss, 36 Meter hoch. Das Mauerwerk dafür war beim Bau des Emder Rathauses übriggeblieben, bei dem man sich verhoben hatte: Der vorgesehene Prunkpalast musste, früher Ostfriesenwitz, ein paar Nummern kleiner als beabsichtigt gebaut werden, weil der Untergrund sich als zu nachgiebig erwies. Aus den Restquadern (und den Steinen der Kirche) zog man den ersten Borkumer Leuchtturm hoch und brachte an seiner Südseite eine steinerne Gedenktafel an, um das Ereignis zu würdigen. Gleichzeitig hielten die alten Glocken wieder Einzug in den Turm, der dieserart erneut kirchliche Aufgaben bekam.
Auch errichtete man auf den Westdünen der Insel zwei hölzerne Baken, Kaapen genannt, die zusammen mit dem Turm als Ansteuerungshilfen für die Wester- und neu entstandene Osterems dienten.
Bis sage und schreibe 1817 brannte auf dem Turm kein Feuer; er war mithin gar kein Leuchtturm, nur eine Peilbake.
Dann jedoch wurde er auf seine jetzigen 45 Meter erhöht, und ein System von Öllampen spendete ein zunächst trübes Licht. Selbiges wurde 1826 verbessert, und nun konnte man Borkum nachts schon auf 10 km Entfernung erkennen! 1857 gelang es, das Licht noch stärker zu bündeln mittels eines "dioptischen Linsenapparats" des französischen Physikers Fresnel. Aber ach – mit welch schmerzlichen Folgen! 1879 geriet der treue Küstenwächter mit seinen großen Ölvorräten in Brand, blieb, weil aus Stein, zwar weitgehend intakt, doch musste hilflos mit ansehen, wie ihm in Gestalt des Neuen Leuchtturms ein Konkurrent vor die Nase gesetzt wurde.
Zur Funktionslosigkeit war "der Alte" dennoch nicht verdammt. 1882 machte man ihn, obwohl das eher peinlich war, zum Träger einer Turmuhr, und 1897 besann man sich erneut aufs Christentum und hielt Gottesdienste in dem Gemäuer ab. Während beider Weltkriege ging es dafür sehr profan zu: Der ehrwürdige Veteran diente als Beobachtungsstätte und Munitionslager.
Heute ist der Turm Eigentum des Heimatvereins Borkum. Ein Einstieg lohnt kaum, innen gibt’s außer einer kleinen Teestube in 40 m Höhe nichts zu sehen.
Viel interessanter ist das Umfeld, vor allem der kleine Friedhof mit einigen Uraltgräbern. Ein ganz berühmter Grabstein ist dabei, dessen einprägsamer Totenkopf immer wieder in der Inselliteratur auftaucht. Den wollte ich vor einiger Zeit fotografieren. Er war nicht da. Im Dykhus und in der Pastorei wusste man von nichts: "Was – der is wech? Muss wohl geklaut worden sein ..." War er auch, gewissermaßen. Der Heimatverein Borkum hatte das gute Stück nach Emden verfrachtet, um dort ein Duplikat anfertigen zu lassen. Selbiges kann man jetzt am Alten Leuchtturm bewundern; das ergraute Original ist in das Heimatmuseum gewandert.
Dies ist ein Auszug aus dem Buch:
Borkum
Über 80 Fotos, 9 detaillierte Karten, Register, Griffmarken, 228 Seiten weitere Informationen ->
6. Auflage 2008
10.50 Euro
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