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Die Berliner Mauer

Berliner Mauer
flickr.de: Berliner Mauer

Die letzten Meter unverfälschte Berliner Mauer in der Niederkirchner Straße.

Auf rund 155 Kilometern verlief die unüberwindbare innerstädtische Grenze, die Berliner Mauer, die aus zirka 45.000 Betonelementen à 1,20 Meter Breite und 3,60-4,10 Meter Höhe aufgebaut war.

Hinter der auf Westberliner Seite mit allerlei Malereien verzierten und verhältnismäßig harmlos wirkenden Vorlandsmauer erstreckten sich auf der DDR-Seite die tödlichen Sperranlagen: der Todestreifen mit Metallgitterzäunen, Signaldrähten und Beobachtungstürmen, ein etwa zehn Meter breiter, hell erleuchteter Kontrollstreifen mit Hundelaufanlagen, auf dem bewaffnete Grenzsoldaten in Jeeps patrouillierten und gelegentlich auch Panzer postiert wurden, dahinter die zweite, kleinere Hinterlandsmauer sowie ein gut 100 Meter breiter Sperrgürtel. So präsentierte sich der so genannte "Antifaschistische Schutzwall", den die DDR-Regierung mit dem Einverständnis der Warschauer Paktstaaten gegen die von ihr ausgemachten westlichen Störaktionen 1961 hatte errichten lassen und der auch der bis dato anhaltenden Massenauswanderung aus der DDR einen Riegel vorschob.

Seit der zunehmenden Sicherung der DDR-Grenzen zur BRD ab 1952 war Berlin zu einem "Fluchtloch" geworden. Gemäß dem Vier-Mächte-Status musste die innerstädtische Sektorengrenze offen gehalten werden, was bis zum 13. August 1961 knapp anderthalb Millionen Menschen zur Flucht über Berlin in den Westen nutzten.

Sonntag um 2 Uhr am 13. August sperrten Einheiten der Volkspolizei und Nationalen Volksarmee die Sektorengrenze nach Westberlin ab. Panzer, Soldaten und bewaffnete Betriebskampfgruppen bezogen Stellung. Im Morgengrauen waren bereits Straßensperren mit Stacheldraht und Spanischen Reitern errichtet, die Pflaster aufgerissen, Gräben gezogen und Betonpfähle aufgestellt. Den Bewohnern Ostberlins und der DDR wurde das Betreten Westberlins untersagt, binnen weniger Stunden wurden Familien und Freunde für die kommenden fast dreißig Jahre voneinander getrennt.

Man unterbrach unverzüglich den U- und S-Bahnverkehr, ab 15. August wurden neben provisorischen Ziegelmauern die ersten Betonplatten aufgestellt und ab 21. August die Eingänge und Fenster der unmittelbar an Westberliner Gebiet angrenzenden Häuser zugemauert. Vorher war es zu spektakulären Fluchtaktionen gekommen: Mit zusammengebundenen Laken seilten sich die Menschen aus den Fenstern zum "Sprung in die Freiheit" ab, schwammen durch die Flüsse und Kanäle, nutzten unterirdische Versorgungsverbindungen oder gruben sich einen Tunnel.

Fortan waren die Westberliner eingemauert, wurden aber moralisch und finanziell aus dem Westen unterstützt, wie die nicht eingemauerten Ostberliner Hauptstädter der DDR durch den Osten moralische und finanzielle Unterstützung erfuhren. Schon ein gutes Jahrzehnt später spielte die Mauer keine bemerkenswerte Rolle mehr. Die Tragödie war der Gewohnheit gewichen. Für die Hauptstädter war Westberlin mittlerweile wörtlich zu einem weißen Fleck auf der Landkarte geworden, Ostberlin für die Einwohner des Westteils der Stadt zur Hauptstadt der belächelten "Täterä", wie man die DDR nannte, und der man seit 1971 – mit den entschiedenen Reiseerleichterungen durch das Viermächte- und Transit-Abkommen – auf seiner Fahrt nach "Wessiland" demonstrativ seine Rücklichter zeigte.

Spätestens Anfang der 70er-Jahre vollzog sich die Teilung über das Räumliche hinaus auch psychologisch und kulturell. Während es im Westteil der Stadt seit den Studentenunruhen 1968 schrittweise zum Aufbruch der verkrusteten politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse gekommen war, erfüllten sich auf der anderen Seite der Mauer die Hoffnungen nicht, die viele DDR-Bürger 1971 an den Wechsel vom Mauerbauer Walter Ulbricht zu Erich Honecker als Erster Sekretär des Zentralkomitees der SED geknüpft hatten. Anschließend igelte man sich ein in Ostberlin, zog sich in die "Innerlichkeit" zurück, wogegen die Westberliner "Insulaner" als üppig alimentierter Vorposten der freien Welt immer eingebildeter wurden und ihre Maueridylle wie den Umstand genossen, dabei gleichzeitig eine berühmte Weltstadt zu sein. Ja, dank dieser in der Tat einmaligen Wohnsituation galt man als Westberliner in aller Welt automatisch als Attraktion. Zumal: In keiner Stadt lebte es sich vergleichsweise ungeniert und frei wie im eingemauerten Westteil der Stadt.

Dann öffneten sich nach dem Sommer 1989, als Zehntausende DDR-Bürger über Ungarn und die Tschechoslowakei in den Westen geflohen waren, am 9. November nach 28 Jahren plötzlich die innerstädtischen Grenzen. Über eine halbe Million Ostdeutsche erstürmten mit oder ohne "Trabi" in den darauffolgenden Tagen den Westteil der Stadt. "Wahnsinn" war das Wort der Stunde, das die Ereignisse zwar in keiner Weise darstellen konnte, aber sie dennoch mit Abstand am besten beschrieb. Die Sektkorken knallten, die Tränen flossen in Strömen, und Westberliner und Ostberliner lagen einander in den Armen.

Das Problem war nun, dass keine Zeit mehr bestand, die Mauer, dieses heillose Bauwerk gebührend zu würdigen. Nicht nur ihre Öffnung, auch der Abriss der Mauer geschah wie ihr Bau über Nacht. "Berlin, nun freue dich!" lautete der Imperativ, und welcher Berliner hätte angesichts der weltbewegenden Ereignisse gewagt, um der Erinnerung halber für ein kleines Stückchen Mauer und Todesstreifen zu bitten?

Ebenso rasch, wie er damals errichtet wurde, verschwand der Betonwall wieder. Nur in der Niederkirchnerstraße am Martin-Gropius-Bau erheben sich, streng geschützt, noch wenige hundert Meter original und unverfälscht erhaltene Vorderlandsmauer, an der Spree in Friedrichshain stehen noch 1300 Meter 1990 nachträglich angemalte Hinterlandsmauer, die "Eastsidegallery". Am Mauerpark Bernauer Straße/Ecke Eberswalder Straße haben nach '89 Graffitikünstler hinter der Grünanlage auf dem ehemaligen Todesstreifen einen kleinen Betonrest besprüht, und ebenfalls in der Bernauer Straße/Höhe Ackerstraße wurde zum 37. Jahrestag des Mauerbaus 1998 die "Gedenkstätte Berliner Mauer" eingeweiht.

Zusätzlich begann man an stark von Fußgängern frequentierten Straßen zwischen den Bezirken Mitte und Kreuzberg mit der Markierung des ehemaligen Mauerverlaufs durch doppelläufige Großsteinpflasterreihen. In Abständen sind gusseiserne Platten mit der Inschrift "Berliner Mauer 1961-1989" in das Pflaster eingelassen, die Einheimischen wie Besuchern auf der Spurensuche behilflich sein sollen. Damit dieses obszöne Bauwerk nicht vollends in Vergessenheit gerät und mehr bleibt als nur der Gedanke: Stimmt ja, da war doch mal w

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Dies ist ein Auszug aus dem Buch:

Berlin

Berlin

Über 120 Fotos, 26 Seiten Stadtatlas, Register, Griffmarken, 360 Seiten weitere Informationen ->

7. Auflage 2008
12.80 Euro